Am 9. Januar 2026 hat KfW Research das Nachfolge-Monitoring Mittelstandveröffentlicht, und die Schlagzeile schrieb sich von selbst: Erstmals planenmehr mittelständische Unternehmen die Stilllegung als die Übergabe. Jährlichrund 114.000 Geschäftsaufgaben ohne Nachfolgelösung bis Ende 2029, demgegenüber rund 109.000 Unternehmen, die eine Nachfolgeregelung anstreben. Daswurde als demografisches Warnsignal gelesen, und das ist es auch.
Die übersehene Zahl
Die interessantere Zahl steht weiter hinten. Ist die Nachfolge unklar,bleiben Investitionen aus. Ist sie geklärt, steigt dieInvestitionsbereitschaft, und zwar auch dann, wenn der Inhaber bereits infortgeschrittenem Alter ist. Am deutlichsten wirkt der Effekt dort, wo dieÜbergabe in den nächsten zwei Jahren ansteht: Ist die Nachfolge gesichert,liegt das Investitionsvolumen im Schnitt um rund 40 Prozent höher.
Damit verschiebt sich der Gegenstand. Nachfolge wird in Familienunternehmenfast immer als Personalfrage geführt. Wer übernimmt, gibt es jemanden in derFamilie, was ist das Unternehmen wert, wie sichert man den Senior ab. Das sindberechtigte Fragen, aber sie beschreiben alle denselben einen Tag. Was sienicht beschreiben, sind die Jahre davor.
Die unsichtbare Freigabegrenze
Eine ungeklärte Eigentümerperspektive wirkt in diesen Jahren wie eineunsichtbare Freigabegrenze. Alles, was über den Horizont der Übergabehinausreicht, wird schwerer entscheidbar: der Ersatz des in die Jahregekommenen ERP-Systems, das zweite Standbein, die Schlüsselposition, die neubesetzt werden müsste, der Einstieg in KI-gestützte Prozesse, der Standort, dereigentlich fällig wäre. Niemand entscheidet dagegen. Die Entscheidung rutscht,und sie rutscht so leise, dass sie in keiner Auswertung auftaucht. Für einenicht getroffene Entscheidung gibt es keine Rückstellung.
Sichtbar wird der Preis erst später, meist beim Nachfolger. Der übernimmtdann ein Unternehmen, das technisch, organisatorisch und marktseitig eine halbeGeneration hinter dem Wettbewerb liegt, und muss dieselben Investitionen unterschlechteren Bedingungen nachholen, gleichzeitig, gegen Zeitdruck und ohne dieAutorität, die der Senior gehabt hätte. Was als behutsamer Umgang mit eineroffenen Frage begann, wird so zur Hypothek auf die Übergabe.
Was die Zahl nicht hergibt
Man sollte die KfW-Zahlen allerdings nicht überlesen. Erhoben werdenAbsichten, keine vollzogenen Übergaben, und der zugrunde gelegteMittelstandsbegriff ist bewusst weit, er schließt Kleinstunternehmen undSoloselbstständige ein. Das Familienunternehmen mit 80 oder 400 Mitarbeitendenist darin ein Ausschnitt, nicht der Normalfall. Und die 40 Prozent sind einbeobachteter Zusammenhang, kein nachgewiesener Hebel. Es ist mindestens ebensoplausibel, dass Unternehmen mit geklärter Nachfolge ohnehin die stabileren sindund deshalb sowohl leichter einen Nachfolger finden als auch leichterinvestieren. Wer die Zahl als Versprechen liest, liest zu viel hinein. AlsRichtungssignal bleibt sie belastbar.
Entkoppeln statt beschleunigen
Die praktische Konsequenz ist deshalb nicht, die Nachfolge zubeschleunigen. Sie ist, die Entscheidungen von der Nachfolge zu entkoppeln,soweit das geht. Dafür braucht es zunächst eine ehrliche Liste jenerEntscheidungen, die seit zwei oder drei Jahren niemand mehr aufruft, mit demDatum, seit wann sie liegen. Dann die Prüfung, woran jede einzelne tatsächlichhängt: daran, wer übernimmt, oder nur daran, dass die Frage offenist. In den meisten Fällen ist es das Zweite, und das ist auflösbar, ohne dassder Nachfolger feststeht. Und schließlich die Frage nach der Umkehrbarkeit. Einverschobener Softwarewechsel ist unangenehm und nachholbar. Ein verpasster Marktzugangist es nicht.
Was dabei herauskommt, ist meist eine überschaubare Liste, von der sich dergrößere Teil heute entscheiden lässt. Der Rest wartet berechtigt auf denNachfolger, und dann weiß man wenigstens, worauf man wartet.
Die Frage dahinter
Welche Investition wäre heute richtig, wenn die Eigentümerperspektivebereits geklärt wäre? Wer diese Frage beantworten kann, kennt die Kosten seineroffenen Nachfolge. Wer sie nicht beantworten kann, hat genau damit den erstenSchritt gefunden. Es ist dieselbe Frage, mit der ein BLIND SPOT beginnt: nicht, was zu tun ist, sondern was übersehen wird, weil esniemand mehr aufruft.
Quelle: KfW Research,Nachfolge-Monitoring Mittelstand 2025, veröffentlicht am 09.01.2026 (kfw.de)
